In der Diskussion um die Musealisierung der Städte ist schon vieles gesagt. Aber nicht alles, wie dieser profunde und differenzierte Beitrag des Autorenduos Müller/Dröge beweist. Sie gehen von der Beobachtung aus, dass die Erfahrung des Orts als dem lokaler und kohärenter Beziehungen und damit der Identifikation einerseits und des Raums andererseits, über dessen Distanzen hinweg unser Leben bestimmende Verbindungen aufgebaut werden, auseinanderklaffen. Diese Differenz zwischen Ort und Raum müsse, so die These der Autoren, vermittelt werden, damit sie bewältigt werden könne, und das geschehe durch Ästhetisierung. Was wir Urbanität nennen sei »nichts Geringeres, als die große kulturelle Leistung eben dieser Differenzvermittlung«.
Den Ausgangspunkt ihrer Betrachtung nehmen die Autoren in Siena. Sie analysieren im dortigen Palazzo Pubblico Lorenzettis Fresko des Bon Governo und des Mal Governo. Hier, im Italien der Renaissance, nehme die für das Bewusstsein des Stadtbürgers erfahrbare Differenz zwischen Raum und Ort ihren Anfang, wenn sie auch noch als zusammengehörige Einheit erfahren werde. Die Stadt erst mache die Differenzwahrnehmung möglich, und so ist die Musealisierung der Stadt, in die die Bewältigung der wahrgenommenen Differenz mündet, ein Produkt ihrer spezifischen Qualität. Müller Dröge setzten gezielt dort an, wo die für die Entwicklung entscheidenden Veränderungen nachvollzogen werden können: An der Subjektivierung des Bewusstseins in der bürgerlichen Kultur, am Begriff des Museums zwischen bürgerlicher Kultur und Avantgarde, an der Grenzauflösung zwischen ökonomischer und kultureller Sphäre. Dabei werden im Text deutliche Schnitte gesetzt, die daher rühren, dass Textelemente aus anderen Veröffentlichungen weiterbearbeitet und methodisch in den Gesamtzusammenhang eingebunden worden sind. Dadurch werden aber an entscheidenden Stellen Vertiefungen möglich, die diesen Text wertvoll machen. Dabei entdecken Müller/Dröge Aufschlussreiches, etwa wenn sie die Erfahrung des Stadtbewohners als Tourist für die Wahrnehmung von städtischen Monumenten analysieren. Auch wird in der Diskussion um die Musealisierung der Stadt selten das Museum selbst als ein Ort spezifischer ästhetischer Erfahrung genauer untersucht, wie das Müller Dröge hier tun. In wechselseitiger Beziehungen des Museums als Stadt und der Stadt als Museum wird das Museum als eine Keimzelle der Ästehtisierung der Stadt ausgemacht: »Denn das Museum als Stadt imaginiert (...) die Stadt als einen vormals identischen Ort.« Derart in der Differenz zwischen Ort und Raum situiert, ist es zwangsläufig, dass auch das Museum selbst in die globalen Dimensionen eingebunden wird, »an die Stelle eines Museums als Ortsgröße ist das Unternehmen Guggenheim getreten.«
Zum Schluss öffnen die Autoren das Feld der Mediatisierung, vor deren Hintergrund die Frage nach der Vermittlung der Raum-Ort Differenz neu gestellt werden muss, da unter anderem durch Mediatisierung der öffentlichen Raums sich in der Wahrnehmung verändert oder, wie die Autoren meinen, gar verschwinde – ein Ausgangspunkt, von dem aus die Autoren uns hoffentlich bald mit weiteren Analysen überraschen.
Christian Holl