Man weiß nie so genau, welche Strategie dahintersteckt, wenn ein Politiker ein Stadtquartier als Slum oder Ghetto bezeichnet. Es gilt zuerst, Aufmerksamkeit zu erregen. Und sonst? Da werden Verantwortungen hin- und hergeschoben, Bevölkerungsgruppen stigmatisiert; doch den medienwirksamen Paukenschlägen folgt stets die Stille nach dem Sturm, und die Menschen sind wieder allein mit ihren Problemen.
Dabei wird mit diffusen Emotionen gespielt, die die verwendeten Begriffe hervorrufen. Eine Schneise ins Dickicht solcher berechnenden Emotionalisierung schlägt Loïc Wacquant. In seiner aktuellen und aufschlussreichen Sammlung von Aufsätzen wird bestimmt, was das Ghetto eigentlich ausmacht: der erzwungene und dauerhafte Aufenthalt in einem abgegrenzten Bezirk der Stadt aufgrund von ethnischer Zugehörigkeit. Wird bei uns von Ghettos gesprochen, dann ist dieser Begriff also eigentlich falsch – doch Wacquant zeigt, dass damit die Strategie verfolgt wird, die Hegemonie einer gesellschaftlichen Gruppe zu stärken. Er zeigt die diskursiven Wirkungen, die der Gebrauch eines Wortes wie das der “Unterklasse” hat, wie es dazu beiträgt, die Probleme in den betroffenen Vierteln und der damit bezeichneten Menschen zu verschärfen, weil es “Vorurteile über die Unterschiede zwischen den so genannten Rassen reformuliert” – die dann wiederum die Diskriminierung rechtfertigen. Wacquant untersucht, mit dem Schwerpunkt auf Städten der USA, aber auch mit Bezug auf französische Städte, wie sich diese Diskriminierungen räumlich äußern. Schon seit geraumer Zeit beschäftigt er sich mit dem Phänomen des Ghettos und damit, was seine Existenz für die Gesellschaft, in deren Mitte es sich befindet, bedeutet – wie es erzeugt wird, wie es gerechtfertigt wird. Wacqant hat selbst in einem Schwarzen-Ghetto in Chicago gelebt, seine Feldforschung beschreibt aus der Innenperspektive die Realität, die dort herrscht, mit großer Anteilnahme für das Schicksal der Menschen, aber stets gestützt auf genaue Beobachtung und umfangreiches Datenmaterial.
In der Vergangenheit waren Ghettos immer auch kollektive Schutzschilde, Puffer gegen die diskriminierenden Zumutungen. In den USA ist das Ghetto heute fast immer ein Ghetto der Farbigen. Weil den Menschen dort zu viel von dem genommen wird, was ihrem Leben überhaupt noch einen Sinn geben könnte, was ihnen wenigstens noch den Hauch einer Chance geben würde, weil das Ghetto nicht einmal mehr die Aufgabe des Schutzes übernehmen kann, spricht der Autor von Hyperghettos.
Gewiss, Wacquant zeichnet ein Bild, das auf unsere Städte so nicht zutrifft. Aber lehrreich bleibt es doch, wie die Menschen in den Ghettos zu einer Lebensweise und zu Handlungen gezwungen werden, die dann wiederum legitimieren, was man ihnen antut. Entsprechende Schemata lassen sich auch in Europa finden – gerade wenn mit Begriffen operiert wird, die verschleiern, anstatt zu präzisieren. Wacquants überzeugende und leidenschaftliche Darlegungen tragen dazu bei, sensibler die hiesigen Diskurse zu beobachten, kritischer die damit verknüpfte Politik zu beobachten.
Christian Holl
Verlagstext: Die hier versammelten Essays gelten dem Zusammenhang von sozialer und ethnischer Ausgrenzung und staatlicher Politik in den Metropolen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die aus einer erfahrungsgestützten Perspektive geschriebenen Beiträge diagnostizieren die sich überall abzeichnenden Formen städtischer Armut und Gewalt in den entwickelten Gesellschaften des reichen Westens. Der Autor arbeitet mit einem soziologischen Konzept des Ghettos als Instrument ethnischer Kontrolle und Einschließung. Er zeigt, wie sich Staaten zunehmend von der Idee und der Praxis der sozialen Wohlfahrt trennen und zur Ausgrenzung der «sozial Abgehängten» übergehen. Essays in diesem Band sind unter anderem «Was ist ein Ghetto? Konstruktion eines soziologischen Konzepts » und «Urbane Marginalität im 21. Jahrhundert».