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arch+ 176/177. Wohnen

“Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!" Goethes Zitat, wahrscheinlich das bekannteste überhaupt, steht heute für die Erwartungen, die an die eigenen vier Wände gestellt werden. Tatsächlich besagt es das genaue Gegenteil: Der Osterspaziergang ist – für eine kurze Weile nur – ein Ausbruch aus räumlich beengten, dumpfen Verhältnissen, der die Menschen ihre gesellschaftlichen Zwänge vergessen läßt. In diesem jauchzenden Ausruf liegt der Kern des Geschehens – und das ist nicht das Abtauchen in die Sphäre des Privaten. Vielmehr schwingt darin die zeitweilige Befreiung von Domestikation, die – wie könnte es anders sein – draußen stattfindet. Im Spannungsfeld der sinnverkehrten Bedeutung von Domestikation und Privatisierung ist der ganze widersprüchliche Werdegang des Wohnens enthalten. Wohnen ist durchtränkt von seiner eigenen Geschichte und daher niemals voraussetzungslos. Es war so lange kulturelles Schlachtfeld und Gegenstand von Erziehung – es ist es noch –, daß es offenbar nicht von Grund auf neu gedacht werden kann; wir sind “eingewohnt" in Raumkonfigurationen, kulturelle Modelle und soziale Organisationsformen. Wohnen definiert zwar ein eigenes Territorium, aber es ist keine Exklave des Privaten, sondern angesiedelt im Zentrum des gesellschaftlichen Selbstverständnisses: Es bildet nach wie vor die ökonomischen Verhältnisse ab und zeigt den gesellschaftlichen Status an, es gibt Aufschluß über die sozialen Konventionen, die das Zusammenleben regeln, über die Geschlechterrollen, die Beziehung von Eltern und Kindern und das Verhältnis der Generationen zueinander, es ist ein wesentlicher Indikator für die Ausdifferenzierung der Gesellschaft in Gruppen bzw. das Ausmaß an Individualisierung, es definiert über Lebensmodelle und Wohnstile kulturelle Zugehörigkeiten und Identitäten, es oszilliert zwischen Selbstdarstellung und Selbstbeschneidung, es beinhaltet eine ideale Vorstellungswelt, aufgeladen mit Wünschen, Hoffnungen und Träumen, der die Pragmatik des Alltags seltsam fremd bleibt, es unterliegt kommerziellen Einflüssen und ist Objekt offensiver Werbung, egal ob es sich um technische Aufrüstung oder ästhetische Aufmotzung handelt, ob es um Schlafgewohnheiten, Eßkultur oder Körperpflege geht, es wird unter den Druck des Zeitgemäßen gestellt, und die wechselnden Bilder des jeweils neuen Wohntrends bedienen sich eines unveränderten Glücksversprechens als Vehikel, da Glück anscheinend häuslich zu buchstabieren ist – kurz: Im Wohnen verschränkt sich alles: historisches Erbe und aktuelle Entwicklungen, ökonomische Umstände, soziale Gegebenheiten, kulturelle Gepflogenheiten, psychologische Faktoren, persönliche Dispositionen und Neigungen und natürlich die ganz banalen Anforderungen des tagtäglichen Lebens. Das macht es als Thema so schwierig und Fehler so schwerwiegend. Ein mißlungener Museumsbau? Muß man sich nicht ansehen, so what? Ein mißlungener Wohnbau dagegen ist eine Katastrophe.

Die Doppelausgabe ist in drei Teile gegliedert. Die Sondierung des neuen Mechanismus der Ökonomisierung des Wohnens steht am Anfang des Heftes - ein Phänomen, das in seinen Dimensionen noch kaum abzuschätzen ist, das jedoch an Bedeutung gewinnen wird. In Gesprächen, Materialsammlungen und Artikeln werden die Vermarktung von Atmosphären und die Produktion von Effekten beleuchtet. Im zweiten Teil geht es um die Grundfrage der Anpaßbarkeit räumlicher Konzepte an gesellschaftliche Veränderungen. Anhand von ausgewählten Projekten u.a. von Juul & Frost, Kazuhiro Kojima und Splitterwerk werden unterschiedliche Raumdispositionen für das Wohnen vorgestellt. Ausklappbare Grundrißtableaus bilden das Zentrum des Heftes. Sie geben mit einer Fülle interessanter Ansätze in ihrer systematisch-vergleichenden Gegenüberstellung Aufschluß über die Breite des experimentellen Feldes und die verschiedenen Richtungen der Lösungssuche. Last but not least geht ein abschließender Heftteil der Frage nach, was aus den Ansätzen der 80er Jahre geworden ist, die dem voranschreitenden Prozeß sowohl der Ökonomisierung als auch der Individualisierung des Wohnens bewußt ein eigenes Modell entgegengestellt haben. Wohnen in eigener Regie ist den neuen Baugruppen und den verschiedenen Formen des selbstorganisierten Wohnens gewidmet. Eingebunden in eine eigens entwickelte Gruppensystematik wird eine Fülle von Initiativen vorgestellt, in ihren Zielsetzungen gewürdigt, Potentiale aufgezeigt und historisch vor dem Hintergrund des neoliberalen Umbaus der Gesellschaft eingeordnet.

Inhalt:
04 Der romantische Ikonograph
06 Zeitung 176/177
16 Editorial*
20 Atmosphärenwechsel
32 Das zeitweilig Zeitgenössische
38 Come in and find out
40 Schöner Wohnen
44 Zukunft des Wohnens
48 Eingeübtes Wohnen
51 Grundrißtableaux
56 Besser und billiger Wohnen
58 Wohnungen je nach Gebrauch
62 Wohnbaukasten
66 Komplexes Raumgefüge
72 Senioren-Wohnmodell
76 Single-Wohnmodell
78 Umschränktes Wohnen
84 Rundumservice
90 Selbstorganisiertes Wohnen
100 Die neuen Baugruppen
107 Produktschau 176/177
130 Baufokus 176/177

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