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Das «ETH Studio Basel - Institut Stadt der Gegenwart» hat das Territorium der Schweiz in einer mehrjährigen Forschungsarbeit in allen seinen vielschichtigen Aspekten untersucht. Geografische, historische, sprachliche, kulturelle, soziale, ökonomische, verkehrspolitische, urbanistische und architektonische Strukturen sind in ihrer vielfältigen Kombinatorik erfasst worden. «Das Wissen über dieses Land blockiert sogar weitere Erkenntnisse. Die eigentliche Herausforderung unserer Arbeit hat deshalb darin bestanden, die Fakten, auch Alltagserfahrungen, selbst Plattitüden so gegeneinander zu montieren, dass sie zu glühen beginnen … Schliesslich wollen die Schweizer weder Natur noch Stadt, sondern ein bisschen beides und keines so richtig … Eine These: Die Schweiz, das Land der Hyperdifferenz, kann Differenz schlechter leben und gestalten als jedes andere Land!» (Jacques Herzog und Marcel Meili im Gespräch über die Schweiz) Die Darstellung zeigt einerseits die Genese, die Konstanten und die Variablen auf. Indem sie andererseits für die wichtigen Metropolitan-Regionen und für die Alpenregion künftige mögliche und/oder wünschbare Szenarien entwirft, gewinnt sie aktuelle politische Brisanz. Das Werk gliedert sich in drei Teilbände sowie eine doppelte Porträt-Landeskarte der Schweiz. (Verlagstext)
Diese in drei Teilbänden vorgelegte Publikation ist eine Herausforderung. In der Zusammenarbeit mit vielen Studenten und Mitarbeitern haben vier prominente Architekten und ein Geograf sich die Aufgabe gestellt, die Schweiz zu portraitieren: Roger Diener, Jacques Herzog, Marcel Meili, Pierre de Meuron und Christian Schmid. Diese Arbeit ist die erste umfassende Arbeit des 1999 gegründeten EH Studio Basel, das inzwischen als “Institut Stadt der Gegenwart” ein offizielles Institut der ETH Zürich ist.
Durch hervorragende Fotografien illustriert, wird die Schweiz in vielen Karten und Beschreibungen erfasst, werden geschichtliche Spuren, Gemeindegrenzen, Bevölkerungsdichten, Verkehrsströme, Wirtschaftsbeziehungen, Sprachgrenzen, Religionszugehörigkeiten und kulturelle Einflüsse dargestellt und einander überlagert. Die Autoren versuchen die Ergebnisse zusammenzufassen, indem sie fünf Typologien als “urbane Potenziale” aus der Analyse destillieren: Metropolitanregionen, Städtenetze, die “Stillen Zonen”, die “Alpinen Brachen” und die “Alpinen Ressorts”.
Eine Besonderheit der Schweiz ist ihr Festhalten an kommunalverfassten Organisationsformen des gesellschaftlichen und politischen Lebens. Zu den wichtigen Schlüssen, die die Autoren ziehen, gehört, dass die Schweiz ausgerechnet dank dieser Besonderheit zu einer flächendeckend urbanisierten Zone geworden ist. Dabei wird vor allem auf das Verständnis von Henri Lefebvre des Städtischen rekurriert, um diese These zu stützen. Die Differenz, die Lefebvre als ein Wesen des Städtischen ausmacht, werde durch diese kleinteilige Verfasstheit an jedem Ort in der Schweiz produziert.
Die Autoren adaptieren regionalplanerische und geografische, historische und soziologische Aufgaben, ohne dabei aber die Ansprüche der jeweiligen Disziplin zu erfüllen. Die Koketterie der Einleitung, man habe etwas Radikales und gleichzeitig Einfaches und beinahe Selbstverständliches gemacht, illustriert die Rechtfertigungsnot, derer sich die Autoren bewusst sind. Kritik macht dies zunächst leicht. Ästhetisch zwar auf höchst ansprechendem Niveau, finden sich doch viele Karten mit unvollständigen Legenden, unzureichend belegte geschichtliche Interpretationen, methodisch nicht nachgewiesene Erhebungen, Fotos ohne Bildunterschriften. In einer Mischung aus empirischem und phänomenologischem Vorgehen müssen die Autoren, um etwas zu beschreiben, was ihnen wichtig ist, was sie in konventionellen Methoden aber nicht erfassen können, zu vagen Begriffen Zuflucht nehmen. Das erleichtert nicht immer das Verständnis. Ob “Spin” oder “Verborgene Zonen” – nicht immer ist erhellt, was damit bezeichnet werden soll.
Auch wird man den Verdacht nicht los, dass Studien stützen, was sie zeigen sollen, dass namentlich die Sympathie für Lefebvres Theorie das Ergebnis beeinflusst. Aber die Herausforderung besteht nicht darin, dies zu kritisieren und damit die gemachten Beobachtungen zu verwerfen. Man lese dies Buch wie ein Essay, wie eine Position, wie ein Anregung, gewohnte Pfade zu überdenken, nach neuen Methoden zu forschen, die Wirklichkeit zu erfassen, nach den Lücken zu fragen, die bekannte Methoden in ihrer Abbildung der Wirklichkeit lassen.
Rezension: Christian Holl