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Der Anspruch, den der Titel ausdrückt, ist gewaltig: Nicht weniger als ein Standardwerk erwartet man, das immer wieder zur Hand genommen werden will und möglichst lückenlos informiert. Nun wird in diesem Buch eine neue Gliederung des Baugeschichtswissens ausprobiert, wobei der Gegenwartsperspektive Rechnung getragen werden soll. Zehn chronologisch aneinander gereihte, zur Gegenwart hin kürzere Zeitspannen umfassende (Epochen-)Kapitel sind jeweils in weitgehend gleich bleibende Kategorien untergliedert.
Die Epocheneinteilung orientiert sich am Gewohnten, differenziert allerdings die italienische Renaissance von der resteuropäischen und fasst Klassizismus mit der Romantik zusammen, Historismus taucht als Begriff in dieser Struktur nicht auf.
Die zehn Kategorien sind: Zentren, Architekt und Bauwerk, Städtebau, Bautechnik, Bauformen, Baugestaltung, Architekturdarstellung und -theorie, Bauaufgabe, schließlich Wirkungsgeschichte. Nun ist jede Form auch Gestalt, diese Unterscheidung wirkt insofern nur mäßig überzeugend; Bauskulptur, Farbe, Ornament fallen in die Gestaltung, die damit leider von einer Erscheinungseinheit mit der Form abgelöst wird und alte Ressentiments bedient. Endlich aber wird unter "Architekt und Bauwerk" auch ein Blick auf die Berufsbildentwicklung geworfen, was in herkömmlichen Baugeschichtshandbüchern meistens unterblieb. Die sozialökonomischen Komponenten der Baugeschichte tauchen hier und da in der Erläuterung von Bauaufgaben auf, eine eigene Kategorie hätte sie allerdings durchaus verdient. Denn so wird zwar beispielsweise benannt, dass der Internationale Stil "immer stärker zu einem 'Bauwirtschaftsfunktionalismus' wurde – erklärt wird dieser so verheerende Wandel aber nicht einmal andeutungsweise.
Technik und Ingenieurbau werden sehr stiefmütterlich behandelt; dass als Literatur für den Ingenieurbau nur Jesberg und Graefe, aber nicht Straub benannt sind – und beim Brückenbau nur auf Zucker und Dietrich, aber weder Leonhardt noch Wittfoht hingewiesen wird, mag dies erklären. Bedauerlich ist auch, dass bei einem Deutschland-Schwerpunkt weder Fritz Leonhardt noch Jörg Schlaich auftauchen.
Nun ist es stets heikel, "die Architektur" zwischen zwei Buchdeckel packen – dann taucht auch mal eine so unakzeptabel pauschale These auf, dass "die modernen Wohnungskonzepte sich als untauglich erwiesen" haben sollen. Die Struktur des Buchs erleichtert aber dennoch einen sinnvollen Einstieg in die Komplexität der Architektur, den es so bislang nicht gab.
Ursula Baus