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Reimer,  2005,  Paperback,  350 Seiten, 20 Abb., Fadenbindung, 20.5 cm x 13.9 cm x 1.9 cm

EUR 29,90
Rübel, Dietmar, Monika Wager und Vera Wolff (Hrsg.)

Materialästhetik. Quellentexte zu Kunst, Design und Architektur

Wieder einmal zeigt sich, warum die Geisteswissenschaften als Schrittmacher in der Entwicklung von Kultur, Technik, Industrie und Wirtschaft in keiner Gesellschaft, die sich zu den "führenden" zählt, fehlen dürfen. Technologische, kulturelle und ästhetische Entwicklungen sind aufs Engste miteinander verflochten, und welche kreative Energie in der kritischen Reflexion zum Thema Materialgebrauch steckt, seit man sich unterschiedlicher "Eigenschaften" von Material bewusst wurde, ist von Beginn an heftig debattiert worden. Die "Revolutionierung der Materialien durch die Industrialisierung" zieht bis heute "grundsätzliche Kritik an den Industriegesellschaften" nach sich – wie die Autoren im Vorwort betonen. Ergänzen könnte man: auch konstruktive Kritik. Diesen Debatten gingen die drei Herausgeber nach, sichteten und sammelten Quellentexte, was auch in der weitgehenden Beschränkung auf den deutschsprachigen Raum eine mühsame Arbeit ist, für die man dankbar sein muss. Neben den bekannten Klassikern des Genres – Goethe, Semper, Morris, Seipp, Riegl, Behne und Derrida – trugen Beiträge von weniger bekannten, aber für das Thema nicht minder interessanten Autoren wie Henry Jouin, Peter Gorsen, Konrad Lange und vielen anderen zum Diskurs bei. Dass dieser Diskurs jetzt geschichtlich nachvollziehbar aufgearbeitet wurde, ist ein hohes Verdienst des Buchs.
Zehn Kapitel haben die Herausgeber nach Themenfeldern sortiert, dann die Felder in sich chronologisch geordnet und mit kurzen, gut lesbaren Einleitungen in einen Zusammenhang gebracht. Kunsthandwerk und Architektur spielen seit der beginnenden Industrialisierung eine weit wichtigere Rolle als die freie Kunst – wohltuend vereint diese Textsammlung dennoch Beiträge von Künstlern, Architekten, Kunsthistorikern und -kritikern sowie Philosophen und Schriftstellern, vereinzelt auch von Naturwissenschaftlern und Technikern, ohne dünkelhaft Kompetenzgrenzen zu ziehen. Was die verschiedenen Disziplinen zu einer Entwicklung beitragen, macht schließlich den Reichtum einer Kultur aus.
Es kann gut sein, dass die deutschsprachige Architekturtheorie in diesem Kontext wieder den Löffel in die Hand nimmt und weiter gibt. Dazu liefert das handliche Buch, das nur durch die Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft möglich war, ein längst fälliges Korrektiv. Leider endet es bereits in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Eine kleine Lücke klafft auch, wo zum Beispiel Architekten wie Mies van der Rohe, Scarpa oder Schattner Maßgebliches zu der Bewertung des Materials in der Architektur beigetragen haben, aber nichts Geschlossenes dazu schrieben. Aber das wäre dann ein anderes Buch...
Die unglaubliche Materialentwicklung in der leistungsstarken europäischen Werkstoffindustrie, die Architektur auch vor dem Hintergrund ökologischer Überlegungen wieder dicht an Fahrzeug-, Flugzeug-, Luft- und Raumfahrtindustrie führt, wird die Debatten des einundzwanzigsten Jahrhunderts rasch vorantreiben. Architekten sei geraten, sich in den Materialentwicklungen auf dem Laufenden zu halten und ihre Zukunft nicht allein in Holz, Marmor, Stein und Eisen zu suchen.
Ursula Baus

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