Imaginäre Architekturen versammelt die Beiträge eines interdisziplinären Kolloquiums, das im November 2004 an der Universität der Künste Berlin stattfand, um deren jüngeren Wissenschaftlern der kunst- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen ein Forum zu bieten. Das ist rundheraus zu unterstützen. Es ist aber auch hilfreich zu wissen, weil es erklärt, warum die Beiträge inhaltlich teilweise doch weit auseinander liegend. Nicht jeder, der sich in die Korrespondenzen zwischen Architektur und Tanz vertiefen möchte (Beitrag von Kirsten Maar), wird sich für Architekturhandbücher als Medien im künstlerischen Prozess (Gernot Weckherlin) interessieren. Aber stört den Leser die Breite der Texte nicht, stößt er sich nicht an der Vertiefung spezieller Aspekte, weil er dies aus der Entstehung des Buchs heraus akzeptiert, erwartet ihn eine gewinnbringende Lektüre.
Architektur und Raum, Stadt und Design nach ihren fiktionalen, medialen Ebenen zu befragen, symbolische und immaterielle Wertzuschreibungen zu untersuchen, ist die inhaltliche Klammer, die die Beiträge zusammen fasst. Ein wichtiges Anliegen. Denn trotz aller Bilanzierungen von Bilbao-Effekten und trotz aller Kritik an Disneyfizierungen: Ein Diskurs greift zu kurz, wenn er nicht die stets virulente und beileibe nicht neue Ebene der Bilder, Zitate, Verweise und imaginierten Welten grundsätzlich und eben nicht nur im Sonderfalle berücksichtigt. Wohltuend ist die in vier Gruppen zusammen gefasste Aufsatzsammlung, weil sie das Thema nicht auf die Frage der Rolle des Computers, auf die Konsequenzen neuer Kommunikationsformen und den Einfluss virtueller Welten reduziert. „Die Stadt als Vorstellung“, „Entwerfen als imaginärer Diskurs“, „Fiktionale Orte“ sowie „Raum und Metapher“ werden die vier Aufsatzgruppen überschrieben Ohne Venedig und Las Vegas geht es auch diesmal nicht, aber darüber hinaus findet sich frische und deutliche Kritik, etwa an der Konstruktion von Geschichte am Beispiel des Planwerks Innenstadt Berlin (Stefanie Hennecke). Hier ist zu lesen, dass die leeren Räume, mit deren Umgang sich die Gesellschaft so schwer tut, befreiend wirken könnten, dann nämlich, wenn sie endlich nicht mehr nur unter dem Aspekt der Nutzung und der Verwertung gelesen und bewertet werden. Wir werden davon überzeugt, dass sich das Virus als hilfreiche Metapher des Entwurfs erschöpft hat und dass das Kunstwerk genau deswegen das ideale Objekt des kapitalistischen Warentauschs ist, weil sein Gebrauch rein virtuell ist.
Dass eine Gesellschaft sich nicht ohne symbolische und rituelle Räume konstituieren könne, wie Foucault zitiert wird, weiß auch diese junge Wissenschaftlergeneration. Das hindert sie nicht daran, Machttechniken, Begriffsbestimmungen und Entwurfspraktiken der älteren Generation zu hinterfragen. „Räume und Architekturen, Plätze und Städte entstehen nicht nur aus konkreten Baumaterialen“ heißt es im Klappentext. Sie entstehen aber auch in der Auseinandersetzung über die Deutungshoheit von Architektur, Stadt und Raum – in der der wissenschaftliche Nachwuchs ein Wörtchen mitzureden hat.
Christian Holl
Räume und Architekturen, Plätze und Städte entstehen nicht nur aus den konkreten Baumaterialien, die man für ihre Errichtung benötigt, sie leben auch als Bilder, Zitate und imaginierte Welten in den Vorstellungen der Betrachter. Diese Fiktionen prägenunsere Wahrnehmung so grundlegend, dass sie auch Einfluss nehmen auf das real zu Bauende in der Architektur ebenso wie in Design, Kunst, Film, Tanz und Literatur. Die interdisziplinären Beiträge des Bandes gehen diesen Wechselwirkungen zwischen Imagination, Entwurf und Realisierung nach.
Inhalt:
Die Stadt als Vorstellung Venedig als Vorstellung von Italien bis Las Vegas (Laura Bieger, Berlin / Annika Reich, Berlin) Statt / Stadt Zur Medialität von Stadt, Raum und Bild am Beispiel Roms (Irene Nierhaus, Bremen / Rom) Der PariserPlatz Öffentlicher Raum für ein exklusives »Bürgertum« (Stefanie Hennecke, Berlin) Virus-Metaphern als Gestaltungsprinzip in der Postmoderne (Annette Geiger, Berlin) Entwerfen als imaginärer Diskurs Architekturhandbücher als Medien im künstlerischen Prozess (Gernot Weckherlin, Berlin / Weimar) Visionen für die Leere Neue Strategien für zweckbefreite Architektur (Christin Kempf, Berlin) Design goes digital: Zum Verhältnis von Idee und Form, Realität und Virtualität (Petra Eisele, Weimar) Augmented Reality Ein neues Reich der Sichtbarkeit (Jörn Schaffaf, Bremen) Fiktionale Orte Realität und Fiktion im Département des Aigles von Marcel Broodthaers (Susanne König, Hamburg) Die Anatomie des Krisenraumes: David Lynchs Eraserhead (Annette Gentz, Berlin) Architekturphantasien im Roman Schismatrix von Bruce Sterling (Karsten Wittke, Berlin / München) Raum und Metapher Tanz und Architektur: Raumkonzepte bei William Forsythe (Kirsten Maar, Berlin) Kafka und der Kreis Zur metaphorischen Organisation des Raumes (Elisabeth Lack, Berlin) Überlegungen anhand der Theorie des Raums (Toni Bernhart, Berlin)
(Verlagstext)