Film, Massenmedien, Katastrophenpanik, urbaner Raum und Sicherheitswahn – dass all dies sich in unserer Alltagserfahrung kreuzt und sie bestimmt, ist zu offensichtlich, um hinterfragt zu werden. Kathrin Röggla, mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Theaterautorin, hat nun eine neue, aufschlussreiche Perspektive gewählt, aus der sie die Zusammenhänge zwischen diesen Themen betrachtet, um Thesen dazu zu formulieren und zu belegen: Sie nimmt das Genre des Katastrophenfilms zum Ausgangspunkt ihres Doppelessays. Die unterschiedlichen Schwerpunkte beider Texte machen die unterschiedliche Momente dessen anschaulich, was sich im Katastrophenfilm offenbart. Und nicht nur im Film selbst, sondern auch in der von der Autorin konstatierten und an sich selbst beobachteten Sehnsucht danach: Die im Film inszenierte Extremsituation biete, so Röggla, eine gesteigerte Form der Sichtbarkeit. Röggla fragt nach den Orten, die vom Katastrophenfilm betroffen werden, und stellt fest, dass es meist die Städte sind, die von der Katastrophe heimgesucht werden. Sie werden als höchst komplexe Schöpfungen der Zivilisation und gleichzeitig deren Sinnbild zerstört. Damit wird ein roher Naturzustand freilegt, der offenbar so dicht unter der Oberfläche unserer Zivilisation liegt, dass er selbst noch in holzschnittartigen Darstellungen schlechter Filme verständlich bleibt. Die Faszination nach dem Katastrophischen wird auch beim Wechsel der Perspektive, nach der Analyse des Films, in der Wirklichkeit der Städte erkennbar, in originellen Touristentouren einerseits, in der durch Sicherheitstechniken wachgehaltenen Aktualität der permanenten Bedrohung andererseits. Rögglas These ist, dass diese Mechanismen greifen, weil uns die Städte nicht mehr vertraut sind – weil es immer mehr Orte in ihnen gibt, die wir nicht mehr einzuordnen imstande sind, und die deswegen mit einer Illusion von Stadt camoufliert werden, die ein integratives System vorgeben, wo sich doch ein ausschließendes viel plausibler sich beschreiben ließe.
Die stilistische Konsequenz des ersten bestimmt auch den zweiten Text, der weniger den städtischen Kontext ins Visier nimmt, als die Analyse des Films allgemeiner auf die Gesellschaft bezieht und dabei zum Schluss kommt, dass die in den Filmen als Folie für die Katastrophe genutzte Ausgangssituation schon längst von einer Realität überholt wurde, die selbst eine Katastrophe ist, aber eine, die schleichend vonstatten geht und sich nicht im plötzlichen Event manifestiert. Als Cineastin formuliert Röggla daher konsequent die Forderung nach Filmen, die sich auf der Höhe des Zuschauers bewegen mögen. Diese neuen Filme würden auch in keine versöhnlichen Illusionen mehr bereithalten, deren Vernichtung so katastrophal ist, sondern eine katastrophale Wirklichkeit bloßlegen, was uns den Blick auf die Stadt über Rögglas wertvollen Beitrag hinaus schärfen helfen könnte.
Christian Holl